Wer im Münchner Osten unterwegs ist, läuft durch eine Schichtung aus Jahrhunderten. Unter den Spielplätzen der Messestadt Riem liegt die Startbahn eines alten Flughafens, in den stillen Straßen von Alt-Bogenhausen steht eine der frühesten Münchner Kirchen, und in Berg am Laim leuchtet ein Rokoko-Innenraum, den ein Kölner Kurfürst bezahlt hat.
Der Münchner Osten ist kein einheitlicher Ort, sondern ein Bündel ehemals eigenständiger Dörfer: Bogenhausen, Berg am Laim, Ramersdorf, Trudering und Riem. Jedes hatte seinen eigenen Kirchturm, bevor München sie nach und nach einverleibte. Diese Chronik führt von den ersten Urkunden des 8. Jahrhunderts bis zu den Wohnquartieren, die heute auf alten Industrie- und Flugflächen entstehen.
- Frühe Dörfer: 768, 772 und 812
- Maria Ramersdorf: Münchens älteste Marienwallfahrt
- Barock im Bauerndorf: St. Michael in Berg am Laim
- 1864 bis 1932: München holt sich den Osten
- 1899: Friedensengel und die letzte Prachtstraße
- Um 1900: Die Villenkolonie und der Herzogpark
- 1939: Der Flughafen München-Riem
- Wiederaufbau, Parkstadt und der Wohnungsboom
- Ab 1964: Der Arabellapark und die Hochhäuser
- Ab 1992: Messestadt Riem auf der alten Startbahn
- Ausblick: Wohin sich der Osten entwickelt
- Quellen
Frühe Dörfer: 768, 772 und 812
Lange bevor es München gab, gab es im Osten Bauerndörfer. Bogenhausen taucht bereits 768 in einer Urkunde als "Pupinhusir" auf, was so viel bedeutet wie die Häuser eines Mannes namens Poapo oder Pubo.1
Trudering folgt 772: In der Schenkungsurkunde des Hiltiprant, der dem Bischof von Freising zur Buße einen halben Hof überschrieb, wird der Ort erstmals greifbar. Der Name geht auf einen germanischen Siedler namens Truchtaro zurück, der sich um das Jahr 500 hier niedergelassen haben soll.2
Berg am Laim wird am 23. April 812 als "ad Perke" genannt. Der Zusatz "am Laim" kommt erst 1430 dazu. Er verrät die Geologie: Das Dorf liegt auf der etwa einen Kilometer breiten Lösslehm-Zunge der Münchner Schotterebene, und genau dieser Lehm machte den Ort später zum Ziegelei-Standort.3
Älter als die Stadt selbst
München wird erst 1158 erstmals urkundlich erwähnt. Bogenhausen, Trudering und Berg am Laim waren da längst etablierte Dörfer. Der Osten kann also mit Recht behaupten, älter zu sein als die Stadt, zu der er heute gehört.
Maria Ramersdorf: Münchens älteste Marienwallfahrt
Das geistliche Zentrum des Ostens steht in Ramersdorf. Die Kirche St. Maria ist urkundlich seit Beginn des 11. Jahrhunderts fassbar, vermutet wird eine Vorgängerkirche schon im 8. Jahrhundert. Sie gilt als die älteste Marienwallfahrtskirche Münchens und zählt neben Altötting zu den ältesten Wallfahrtsstätten Bayerns.4
Schon zu Beginn des 14. Jahrhunderts zog das Gnadenbild in der Kirche viele Pilger an. Der heutige Bau stammt im Kern aus dem 15. Jahrhundert. Erst 1907, vierzig Jahre nach der Eingemeindung Ramersdorfs, wurde Maria Ramersdorf zur Pfarrkirche erhoben, weil der Ortsteil so stark gewachsen war.5
Barock im Bauerndorf: St. Michael in Berg am Laim
Der spektakulärste Bau des alten Ostens entstand ausgerechnet im kleinen Berg am Laim, und er hat mit einem auswärtigen Fürsten zu tun. Clemens August von Bayern, Kurfürst und Erzbischof von Köln aus dem Haus Wittelsbach, besaß hier ein kleines Schloss, die Josephsburg. An deren Schlosskapelle bestand seit 1693 eine St.-Michael-Erzbruderschaft, die rasch wuchs.6
Clemens August ließ deshalb eine größere Haupt- und Mutterkirche errichten. Die Grundsteinlegung war am 7. Oktober 1738, der Bau zog sich bis 1751. Den Innenraum gestaltete der bayerische Meister Johann Michael Fischer, die Decken- und Stuckarbeiten schuf von 1743 bis 1744 der Hofstuckateur Johann Baptist Zimmermann. Die Ausstattung gilt als ein Meisterwerk des süddeutschen Rokoko.7
Ein Kölner Kurfürst in München
Dass im Münchner Osten eine Kirche steht, die einer Kölner Bruderschaft und einem Ritterorden gewidmet war, ist eine Münchner Kuriosität. Clemens August war Erzbischof von Köln, residierte aber gern in seiner bayerischen Heimat. St. Michael ist sein steinernes Vermächtnis in Berg am Laim.
1864 bis 1932: München holt sich den Osten
Im 19. und frühen 20. Jahrhundert wuchs München rasant und schluckte ein Dorf nach dem anderen. Den Anfang im Osten machte Ramersdorf, das von 1818 bis zur Eingemeindung 1864 eine eigene Gemeinde war.8
Bogenhausen, 1818 zur selbstständigen Gemeinde erhoben, kam am 1. Januar 1892 zu München. Berg am Laim folgte am 1. Juli 1913, nachdem der Gemeinderat zuvor gleich fünf Eingemeindungsanträge gestellt hatte. Trudering schließlich wurde am 1. April 1932 eingegliedert, nicht aus Begeisterung, sondern weil die Gemeinde zahlungsunfähig geworden war.9
Heute bilden diese Orte die östlichen Münchner Stadtbezirke, vor allem Bogenhausen (Bezirk 13), Berg am Laim (Bezirk 14), Trudering-Riem (Bezirk 15) und Ramersdorf-Perlach (Bezirk 16). Wer mehr über die Gliederung wissen will, findet sie in unserer Übersicht zu den Stadtteilen im Münchner Osten.
| Ort | Erste Erwähnung | Eingemeindung |
|---|---|---|
| Bogenhausen | 768 | 1. Januar 1892 |
| Trudering | 772 | 1. April 1932 |
| Berg am Laim | 812 | 1. Juli 1913 |
| Ramersdorf | 11. Jahrhundert | 1864 |
1899: Friedensengel und die letzte Prachtstraße
Mit der Eingemeindung Bogenhausens veränderte sich das Gesicht des Ostens. Zwischen 1891 und 1901 entstand die Prinzregentenstraße, die letzte große Prachtstraße Münchens, benannt nach Prinzregent Luitpold. An ihr reihten sich Museen, Denkmäler und Künstlervillen.10
Ihr Wahrzeichen wurde am 16. Juli 1899 eingeweiht: der Friedensengel in den Maximiliansanlagen, eine sechs Meter hohe vergoldete Figur auf einer 38 Meter hohen Säule. Das Denkmal erinnert an die 25 Jahre Frieden nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71. Geschaffen haben es die Bildhauer Heinrich Düll, Georg Pezold und Max Heilmaier.11
Wenige Schritte entfernt entstand 1900 bis 1901 das Prinzregententheater, auf private Initiative als Münchner Festspielhaus für Wagner-Aufführungen errichtet. Die Höhenlage über der Isar und der Blick auf die Stadt machten diesen Abschnitt Bogenhausens zur ersten Adresse. Viele dieser Bauten zählen bis heute zu den Sehenswürdigkeiten im Münchner Osten.
Um 1900: Die Villenkolonie und der Herzogpark
Aus dem Bauerndorf Bogenhausen wurde in wenigen Jahrzehnten eines der teuersten Wohnviertel Münchens. Den Grundstein legte ein Park: 1805 hatte Graf Montgelas nördlich der Bogenhausener Brücke vom Gartenarchitekten Friedrich Ludwig von Sckell eine Anlage gestalten lassen, die später an Herzog Max in Bayern überging und ihm den Namen Herzogpark verdankt.12
Um 1900 konnte die herzogliche Familie das Areal nicht mehr halten. Eine Immobiliengesellschaft parzellierte das Gelände und bebaute es mit Villen in parkartigen Grundstücken. Der Herzogpark wurde zur Heimat von Künstlern und Schriftstellern, am bekanntesten Thomas Mann, der hier bis 1933 lebte.13
Aus einem Dorf am Hochufer der Isar wurde binnen einer Generation das vornehmste Wohnviertel der Stadt.
1939: Der Flughafen München-Riem
Der einschneidendste Eingriff in den ländlichen Osten kam aus der Luftfahrt. Auf den Feldern bei Riem entstand ab Ende der 1930er Jahre der Flughafen München-Riem. Eröffnet werden sollte er am 1. September 1939, doch der Kriegsbeginn verschob den Start. Der erste zivile Flug fand am 25. Oktober 1939 statt.14
Nach dem Krieg wurde Riem zum internationalen Flughafen Münchens. Schon 1954 zeigte sich, dass der Standort, nur rund zehn Kilometer vom Zentrum entfernt und von Wohngebieten umgeben, nicht erweiterbar war. Trotzdem blieb Riem über vier Jahrzehnte das Tor zur Welt, bis am 16. Mai 1992 der letzte Flieger startete und der neue Flughafen im Erdinger Moos übernahm.15
Was vom Flughafen blieb
Vom alten Riem stehen heute noch der denkmalgeschützte Tower und die Wappenhalle, das frühere Empfangsgebäude. Sie erinnern an die Zeit, als der Münchner Osten Münchens Verbindung in die Welt war.
Wiederaufbau, Parkstadt und der Wohnungsboom
Wie ganz München litt auch der Osten unter den Luftangriffen des Zweiten Weltkriegs. Der Wiederaufbau ab den 1950er Jahren brachte dann ein neues Gesicht: An die Stelle von Feldern und zerstörten Quartieren traten planmäßig angelegte Wohnsiedlungen.
In Bogenhausen entstanden die Atriumsiedlung, die Gartenstadt Bogenhausen-Priel und ab 1955 die Parkstadt Bogenhausen, eine der frühen Großwohnsiedlungen der Nachkriegszeit. Berg am Laim, Trudering und Ramersdorf füllten sich mit Reihenhäusern und Geschosswohnungsbau. Der Osten wandelte sich vom Dorfgürtel zum dicht bewohnten Stadtraum.16
Wie sich die Bevölkerung seither entwickelt hat, zeigt unsere Übersicht zu den Einwohnern im Münchner Osten.
Ab 1964: Der Arabellapark und die Hochhäuser
Anfang der 1960er Jahre bekam Bogenhausen ein zweites, ganz anderes Gesicht. Auf freiem Feld im Nordosten entstand ab 1964 der Arabellapark, ein modernes Büro- und Wohnquartier. Das namensgebende Arabellahaus wurde 1968 bis 1969 fertiggestellt.17
In den folgenden Jahrzehnten wuchsen hier Hochhäuser, Hotels, Kliniken und Konzernzentralen empor. Der Arabellapark wurde zu einem der wichtigsten Bürostandorte Münchens und prägt bis heute die Silhouette des Ostens, ein scharfer Kontrast zu den stillen Villenstraßen von Alt-Bogenhausen nur wenige Kilometer weiter südlich.
Ab 1992: Messestadt Riem auf der alten Startbahn
Mit dem Abzug des Flugbetriebs 1992 wurde im Osten eine riesige Fläche frei, und München nutzte sie für eines seiner größten Stadtentwicklungsprojekte. Auf dem ehemaligen Flughafengelände entstand die Messestadt Riem mit Wohnungen, Gewerbe und der Neuen Messe München.18
Den grünen Mittelpunkt bildet der Riemer Park, der aus der Bundesgartenschau 2005 hervorging und mit dem Badesee einer der größten neuen Parks Münchens ist. Aus der Brache eines Flughafens wurde so binnen weniger Jahre ein komplett neuer Stadtteil, geplant am Reißbrett, gebaut für Zehntausende.19
Vom Rollfeld zum Quartier
Die Messestadt Riem ist ein seltener Fall: ein ganzer Stadtteil, der dort entstand, wo Jahrzehnte lang Flugzeuge starteten. Wo heute Familien wohnen und der Badesee glitzert, lag bis 1992 das Rollfeld des Münchner Flughafens.
Ausblick: Wohin sich der Osten entwickelt
Der Münchner Osten bleibt eine der dynamischsten Ecken der Stadt. Der wachsende Wohnungsdruck trifft hier auf große ehemalige Industrie- und Bahnflächen, die nach und nach zu neuen Quartieren werden.
Rund um die Messestadt Riem und entlang der östlichen Bahnachsen entstehen weiter Wohnungen, während Berg am Laim und Trudering sich verdichten. Gleichzeitig bleibt der Kontrast bestehen, der den Osten ausmacht: hier die Hochhäuser des Arabellaparks und die Neubauquartiere, dort die jahrhundertealten Dorfkerne von Bogenhausen, Berg am Laim und Ramersdorf mit ihren Kirchen.
Wie sich Mieten und Lebenshaltung in diesem Spannungsfeld entwickeln, liest du in unseren Übersichten zum Mietspiegel im Münchner Osten und zu den Lebenshaltungskosten.
Was sich nicht ändert, ist die Tiefe der Geschichte unter den Füßen. Vom altbairischen Bauerndorf des 8. Jahrhunderts über Rokoko-Kirchen und Prachtstraßen bis zur Stadt auf dem alten Rollfeld: Der Osten Münchens erzählt mehr als 1200 Jahre auf engem Raum.